Journalistenbüro Kassel - Arbeitsprobe aus dem Bereich Politik

 


Frankfurter Rundschau, 29. Oktober 2013

"Die alte Wunde heilt nicht"

Ilse Werder hat miterlebt, wie im Kasseler Rathaus nach 1945 ein echter Neubeginn verhindert wurde – und leidet darunter bis heute

Von Joachim F. Tornau
 

Im Bücherregal der kleinen Hanauer Wohnung drängen sich Klassiker der Weltliteratur neben Klassikern linken Denkens. Ganz oben aber ist ein Brett für Hessens Norden reserviert. „Mein Herz“, sagt Ilse Werder, „hängt noch an Kassel.“ Immer noch. Auch nach Jahrzehnten, die sie schon im Rhein-Main-Gebiet lebt. Und trotz der Ereignisse, die sie einst aus Kassel vertrieben und die ihr ganzes Leben belasteten.

Ihre Geschichte ist eng mit dem verknüpft, was jetzt anlässlich des Kasseler Stadtjubiläums von Wissenschaftlern publik gemacht wurde: dem fehlenden Bruch mit der Nazi-Vergangenheit. Bis in die 1970er Jahre hinein wurden die Geschicke der nordhessischen Großstadt von sozialdemokratischen Oberbürgermeistern gelenkt, die in der NS-Zeit, um es vorsichtig auszudrücken, nicht eben durch Opposition aufgefallen waren. Und Ilse Werder saß im Rathaus genau da, wo die Front verlief, zwischen dem Einfach-so-weiter und der Sehnsucht nach einem wirklichen Neubeginn.

Sie war die persönliche Mitarbeiterin von Siegfried Werder, ihrem späteren Ehemann, der 1955 zum Kasseler Bürgermeister wurde – und damit zum Vertreter von Oberbürgermeister Lauritz Lauritzen. „Mein Dienstzimmer lag genau zwischen ihren Büros, ich habe die Spannungen unmittelbar mitgekriegt“, erinnert sich die 88-Jährige. „Die beiden konnten sich von Anfang an nicht leiden, aus politischen Gründen.“ Siegfried Werder, damals auch Kasseler SPD-Chef, gehörte zum linken Parteiflügel, Lauritzen zum rechten.

Werder glaubte „an die Möglichkeit einer sozialistischen Gesellschaftsordnung“, wie er sagte, wollte die DDR als Realität anerkennen und war, das vor allem, glühender Pazifist. Er stritt gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und erreichte, dass sich das Stadtparlament gegen die Stationierung von Soldaten in Kassel aussprach. Oberbürgermeister Lauritzen hingegen traf sich, dessen ungeachtet, mit einem Bundeswehrgeneral, um die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Militär zu besprechen.

Die beiden Männer konnten in ihren Haltungen unterschiedlicher kaum sein. Und das galt auch für die Haltung, die sie im Nationalsozialismus eingenommen hatten. Werder war nie Mitglied einer NS-Organisation gewesen – die Wehrmacht ausgenommen. Er hatte Kontakte zum Widerstand und war wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ zunächst nicht zum Jura-Studium zugelassen worden. Lauritzen dagegen hatte sich, obwohl vor 1933 SPD-Mitglied, der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) angeschlossen und als Jurist in Berlin Karriere gemacht. „Mein Mann“, sagt Ilse Werder, „hatte wohl auch deswegen eine Aversion gegen ihn.“

Zur Sprache aber kam die Vergangenheit nicht. Sie wurde beschwiegen, allseitig. „Über das Thema“, erzählt Ilse Werder, „herrschte in Kassel absolute Funkstille.“ Und so wie es keine offene Auseinandersetzung über die Nazi-Zeit gab, so blieben auch die politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Männern diesseits und jenseits von Ilse Werders Dienstzimmer unausgesprochen. Doch im antikommunistischen Klima der 1950er Jahre war der überzeugte Sozialist an der Spitze der Kasseler SPD vielen in der Stadt ein Dorn im Auge – nicht nur der Opposition und der konservativen Lokalpresse, sondern auch manchem Genossen. Lauritzen eingeschlossen.

Wie sehr allerdings, das sollte sich erst nach jenem Tag erweisen, der das Leben Siegfried Werders wie seiner späteren Ehefrau für immer veränderte. Und der mit Politik eigentlich überhaupt nichts zu tun hatte. Es war der 22. April 1956, als der Bürgermeister, damals noch Junggeselle, nach einer durchzechten Nacht mit einem Barbesitzer aneinander geraten war – wohl weil ihm die Bardame gefiel, die ungünstigerweise auch die Gattin des Gastwirts war. Es blieb nicht bei einer verbalen Auseinandersetzung, am Ende kam die Polizei. Und draußen vor der Bar wartete bereits ein Reporter der konservativ-nationalen „Kasseler Post“. Ein Blatt, das Ilse Werder ohne Zögern als „rechtsradikal“ einstuft. Und das jetzt seine Chance witterte, den verhassten Sozialisten zu Fall zu bringen.

Erbarmungslos drosch die Zeitung auf Werder ein – und fand bundesweiten Widerhall. Sogar der „Stern“ widmete dem Skandal eine hämische Doppelseite. Titel: „Und so was nennt sich Bürgermeister …“ Dass der in die Enge getriebene Sozialdemokrat eine Überdosis Schlaftabletten schluckte, nannte das Magazin kalt eine „Selbstmordkomödie“. Die Kampagne hätte erfolgreicher nicht sein können: Werder trat als SPD-Chef zurück, wurde als Bürgermeister abgewählt. Einstimmig, ohne Widerspruch aus seiner Partei.

„Jetzt bleibt Dir ja nur noch die Ilse“, ätzten drei Genossen, die er bis dahin für seine Freunde gehalten hatte, auf einer anonymen Postkarte. Zu den Absendern, die später offenbar wurden, gehörte auch Karl Branner – Lauritzens Nachfolger als Oberbürgermeister. Und wie dieser mit braunen Flecken auf der Weste.

Mit Schimpf und Schande floh Werder aus der Stadt. Er ließ sich in Frankfurt als Anwalt nieder, heiratete seine Mitarbeiterin, gründete mit ihr eine Familie. Aber glücklich wurde er nie wieder. „Mein Mann hat nicht verwunden, dass er keine politische Arbeit mehr leisten konnte“, sagt Ilse Werder. „Das war sein Lebensziel gewesen.“ Der ehemalige Bürgermeister konnte sich nicht verzeihen, dass er den Anlass für seinen Abschuss selbst geliefert hatte. Er begann, seinen Frust in Alkohol zu ertränken, nahm Tabletten, wurde psychisch krank. Und landete schließlich, weil er gewalttätig gegen seine Ehefrau geworden war, für längere Zeit in der Psychiatrie. Nach neunjähriger Ehe musste sich Ilse Werder 1967 scheiden lassen.

Bis zuletzt, bis er 1996 im Alter von 82 Jahren starb, sah sie ihren Mann nicht mehr wieder. Weil sie sich gefürchtet habe vor ihm. Oder vor dem, zu dem er geworden war. Dennoch: „Ich habe ihn sehr gern gehabt.“ Man kann an so etwas zerbrechen. Doch Ilse Werder ließ sich nicht unterkriegen. Vier Kinder zog sie alleine groß, baute sich noch einmal ein neues Leben auf.

Sie wurde Redakteurin der Frankfurter Rundschau in Hanau und blieb es 20 Jahre lang. Sie brachte dort das erste Frauenhaus, die Verbraucherberatung und etliche Kulturinitiativen auf den Weg. Im Ruhestand gründete sie ein Kulturzentrum auf dem Land und veröffentlichte mittlerweile bereits ihr dreizehntes Buch zur Regionalgeschichte. Auch heute, mit 88 Jahren, sprüht die Trägerin zahlreicher Auszeichnungen – bis hinauf zum Bundesverdienstkreuz – noch immer vor Energie. So sehr, dass es fast beleidigend erscheint, die kleine Frau mit den wachen Augen hinter der modischen Brille rüstig zu nennen. Tough trifft es besser. Und streitbar.

Noch immer mischt sie sich ein, noch immer liest sie den Stadtoberen in Hanau die Leviten. Vergessen aber hat sie die Verletzungen der Vergangenheit nicht. „Die alte Wunde“, sagt sie, „heilt nicht.“ Und in ihrer Partei, der SPD, der sie seit 1951 angehört, hat niemand zur Heilung beitragen wollen. Von den einstigen Kasseler Genossen habe sie nie wieder etwas gehört, kein Wort der Entschuldigung, kein Einlenken, keine Anteilnahme. „Das ist einfach tot geschwiegen worden.“

Seit 62 Jahren ist Ilse Werder Sozialdemokratin und, so sagt sie, „manchmal ziemlich wütend“ auf ihre Partei. Weil sich immer wieder die durchsetzen, die sie für Rechte, für Opportunisten und Karrieristen hält. So wie damals. „Ich schaffe es aber nicht auszutreten“, sagt sie. „Ich weiß nicht, ob ich es jemals schaffe.“

Ilse Werders Herz hängt an der SPD, wie es an Kassel hängt.

Es ist ein schweres Herz.

 

Hintergrund: SPD-Oberbürgermeister mit brauner Vergangenheit

 

Willi Seidel (1885–1976) wurde 1945 von den Alliierten zum Kasseler Oberbürgermeister bestimmt und blieb es bis 1954. Ob er Mitglied der NSDAP war, lässt sich wegen fehlender Akten nicht mehr belegen. Es ist aber nicht unwahrscheinlich: 1937 hat er einen Aufnahmeantrag gestellt; von der NSDAP-Gauleitung wurde er als „Parteigenosse“ angeschrieben. Zudem galt er den Nazis als hinreichend zuverlässig für wichtige Aufgaben in  der Kommunalverwaltung. Er ist Kasseler Ehrenbürger und Namenspatron des städtischen Hauses der Jugend.

 

Lauritz Lauritzen (1910–1980) war von  1954 bis 1963 Stadtoberhaupt in Kassel. In der Nazi-Zeit gehörte der promovierte Jurist zwar nicht der NSDAP an, dafür aber der Reiter-SA. Außerdem war er Mitglied der NS-Volkswohlfahrt und des NS-Rechtswahrerbunds, eines Berufsverbands nationalsozialistischer Juristen. Von 1937 bis 1945 arbeitete er in der Reichsstelle für Chemie in Berlin und stieg dabei bis zum Abteilungsleiter auf. Nach seiner Amtszeit in Kassel machte er Karriere als Minister in Land und Bund.

 

Karl Branner (1910–1997) regierte Kassel von 1963 bis 1975. Der promovierte Volkswirt war 1933 in die NSDAP eingetreten und führend tätig im NS-Rechtswahrerbund. Seine Doktorarbeit stuft der Kasseler NS-Experte Dietfrid Krause-Vilmar als „durch und durch nationalsozialistisch“ ein. So markierte Branner alle Autoren, die den Nazis als jüdisch galten, mit einem Stern. In Kassel wird er bis heute als „bürgernahes Original“ verehrt. Er ist Ehrenbürger; eine Seitenhalle des Rathauses sowie eine Fuldabrücke tragen seinen Namen.


 

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